Michael Voß
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Gepriesen sei der Herr Tag für Tag…
„Aber denk daran, Michael“, sagt mir Ursel Wolfschmidt noch in der Gemeinde, „wenn Du über mich schreibst: Meine Liebe kommt nicht von mir, sondern vom Herrn. Meine Liebe würde gar nicht ausreichen.“ Das ist typisch Ursel Wolfschmidt. Sie strahlt eine solche Liebe aus. Das ist die Liebe des Herrn, die sie angenommen hat und an alle weitergibt. Sie hat für jeden ein gutes Wort. Wenn sie am Sonntag früh in den Gottesdienst kommt, dann weiß sie, wer Gebet braucht, weiß, wer krank zuhause liegt und wer etwas Besonderes erlebt hat. Nein, sie ist keine Klatschtante. Ursel – kaum einer nennt sie hier in der Gemeinde beim Nachnamen - weiß das alles, weil sie die Menschen liebt. Und weil sie weiß, dass für viele nicht gebetet würde, sollte sie nicht daran erinnern.
Jeden Sonntag wird Ursel in ihrem Pflegeheim im sächsischen Naunhof abgeholt. Ihre Hüfte macht nicht mehr mit. Die Treppe zur Gemeinde ist ein riesiges Hindernis. Noch ist kein Geld für eine sanft ansteigende Rampe da. Aber es ist Gottes Hilfe, ihr eiserner Wille und die Unterstützung vieler Geschwister, die sie immer wieder in die Elim-Gemeinde nach Grimma kommen lässt. Und dort wird sie gebraucht. Sie ist von Anfang an dabei. Ende der 90er Jahre entstand hier in Grimma ein Hauskreis, aus dem dann 1999 die „Tochter“ der Leipziger Elim-Gemeinde erwuchs. Zunächst traf man sich im 1. Stock eines Mehrfamilien- und Bürohauses. Dann zog die Gemeinde in den Club Gattersburg. Auch Ursel kam mit. Sie wollte unbedingt daran mitarbeiten, eine neue Gemeinde aufzubauen. Dafür verließ sie, als die Evangelische Gemeinde Elim Grimma selbstständig wurde, die große und viel bequemere Leipziger Elim-Gemeinde. Ursel ist unheimlich bescheiden. Und sie würde nie zugeben, dass sie viele exzellente Ratschläge gibt. Aber das tut sie. Und das eindeutig mit Gottes Hilfe. Ganz lieb nimmt sie einem beiseite. Zieht einen an sich heran und gibt ihm Tipps. Und oft erging es mir so, dass ich total verblüfft war, woher sie wusste, dass ich gerade jetzt diesen Tipp brauche. Das ist Ursel. Und sie scheut sich auch nicht, in ihrer offenen Art einmal Kritik los zu werden. Aber immer mit Liebe und einem schalkhaften Lächeln im Gesicht. Man kann ihr gar nicht böse sein.
Der Gottesdienst beginnt. Vorne links in der ersten Reihe sitzt Ursel. Das Tanzen hat sie aufgeben. Aber selbst im Sitzen ist sie beim Lobpreis voll dabei. Sie kennt die neuen Lieder auswendig, auch wenn sie oft genug daran erinnert, dass sie gern mal wieder ein altes Stück hören möchte. Sie singt mit. Und sie preist den Herrn. Zwischendurch dann immer ein Gebet von ihr. Und das hat es in sich. Voller Kraft ist ihre Stimme im Saal zu hören. Sie bittet für die Kranken, für die, die zuhause sind. Ja selbst für den Pastor oder den, der gleich das Wort des Herrn verkündigen wird. Es gibt kaum jemanden, den sie vergisst. Gott hat ihr eindeutig die Gabe des Betens geschenkt. Und dann, ab und zu, ganz selten betet sie auch dafür, dass sie weiterhin die Kraft hat, für den Herrn da zu sein. „Ja, meine Beine….“
Es ist der 82. Geburtstag. Ursel hat dazu in den Speisesaal ihres Pflegeheims eingeladen. Sie freut sich über jeden, der durch die Tür kommt. Sie hat eingeladen, um anderen eine Freude zu bereiten, und das wiederum freut sie. „Michael, ich möchte, dass Du uns nachher ein Wort sagst“, meint sie gleich zur Begrüßung. Klar, sie will eine kurze Andacht, spontan wie sie ist. Und dann weist sie mir den Platz zu – direkt an ihrer Seite und neben ihrer besten Freundin, die mit über 90 auch eine unserer aktiven Gemeindemitglieder ist. Wir werden viel sprechen, an diesem Nachmittag.
So erfahre ich, dass ihr Mann ihr vor vielen Jahren das Leben gerettet hat. Ursel war damals schwer krank. Die Ärzte wollten nicht mehr weiterbehandeln. Ihr Mann suchte nach einem neuen Krankenhaus. Und dort entdeckte man, dass sie schwer strahlenbelastet war. Die Krebstherapie der anderen Ärzte war die eigentliche Ursache für ihre Beschwerden. Leicht traurig, und das ist selten bei Ursel, meint sie: „Gerettet wurde ich damals, aber deshalb haben wir nie Kinder bekommen.“ Aber von dem Thema ist sie schnell wieder weg. „Nun bin ich Wartende. Ich warte darauf, dass der Heiland mich holt und mir das zeigt, was viel besser ist, als hier die Erde. Aber bis dahin will ich ihm hier dienen.“ Ihr Mann verstarb vor vielen Jahren. Nun hat sie dessen frühere aktive christliche Rolle übernommen.
Zwei Schwestern aus der Gemeinde machen Musik – ein ungewöhnliches Duo aus Flöte und Violine. Ursel darf sich die Titel wünschen. Es sind die alten Werke, wo uns die Worte fehlen, denn wir drei sind die Jüngsten hier. Ursels Augen glänzen. Sie genießt es. Und dann holt sie ein altes Buch hervor. Handgeschrieben sind dort ihre Gedanken – und ein Text. Selbstverfasst - ein Stück auf eine der alten Melodien. Ursel will es singen und legt los mit einer Stimme, die Gott preist und die soviel Energie hat. Fünf Strophe und die Gäste lauschen. Dann schiebt mir jemand einen Text herüber. Psalm 68,20 ist aufgeschlagen: „Gepriesen sei der Herr Tag für Tag. Er trägt für uns, Gott ist unsere Rettung.“ Es passt so schön zu Ursel. Denn sie lobt den Herrn wirklich Tag für Tag, inzwischen also schon mindestens 30.000 Mal. Und so fallen mir die Worte in der Andacht überhaupt nicht schwer. In diesem Moment ist der Herr spürbar nahe.
Ursel ist das gelungene Beispiel für einen Menschen, der viel von Gott empfangen hat: Sie ist eine Wartende. Aber sie sitzt dabei nicht nutzlos herum, sondern gibt alles weiter, was sie geben kann. Sie ist körperlich nicht mehr so fit. Aber ihre vom Herrn empfangene Liebe, die gottgegebene Weisheit und ihre Gebete sind eine der größten Stützen für die junge Elim-Gemeinde. Und so ist selbst ihre damalige Entscheidung, von der Leipziger Muttergemeinde ins Neuland zu gehen, typisch für sie. Denn sie wusste damals, Gebete und Liebe werden hier noch mehr gebraucht, als in Leipzig. Die Liebe, die sie weitergibt, kommt vom wirklich vom Herrn, fließt aber durch ihren Körper.
Michael Voß