Michael Voß
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Der 80. Geburtstag
oder
Ein Geburtstag ohne Geburtstagskind

Der Hauptdarsteller unserer kleinen Geschichte, nennen wir ihn einmal Heinrich, war ein ehrenwerter älterer Herr. Sein Gesicht strahlte die Güte und Gerechtigkeit eines Menschen aus, dem man selbst seine Wohnung anvertrauen möchte, ohne dabei Schlimmes zu befürchten. Langsam schlenderte er durch die hell erleuchteten Gassen der winterlichen Stadt. Er strahlte mit seinem hohen Alter eine gewisse Melancholie aus. Gemütlichkeit, Selbstsicherheit, aber doch ein wenig Zurückhaltung, Offenheit, all das versprachen Gestik und Mimik. Kurz: ein guter Mensch.
Vor langer Zeit war Heinrich einmal Bürgermeister der kleinen Stadt tief im hintersten Winkel Deutschlands gewesen. Ein Bürgermeister, der überall nach dem Rechten schaute. Auch schon mal selbst die Ärmel hochkrempelte und mit anpackte. Sich um die Schwachen kümmerte, für die Probleme des Alltags da war. Einmal im Jahr lud er zum Beispiel die Armen der Stadt ein und feierte mit ihnen seinen Geburtstag. Ein Fest nicht für Heinrich, sondern für seine Gäste. Versteht sich, dass er alles aus seiner Privatkasse bezahlte und seine Geburtstagsgeschenke weiterreichte. Mit den Jahren wurde es eine Tradition. Alle Familien, ob arm oder reich, feierten an diesem Tag Zuhause mit.
Aber das ist lange her.
Seitdem hat sich viel geändert. Sehr viel. Die Stadtbewohner hatten ihn damals vertrieben. Sie waren nicht mehr zufrieden mit ihm, hatten sich beim Kreistag beschwert und ihn abgewählt. Ein guter Mensch war nicht mehr modern. Gefragt war jemand, der für Tourismus sorgte, Geschäfte ankurbelte, Beziehungen hatte und im harten Geschäft der Politik auch schon mal so manchen - illegalen - Trick nutzte. Und so verschwand Heinrich aus dem Alltagsleben der Stadt. Doch nicht ganz: Das Geburtstagsfest blieb. Tradition. Und gut angesehen. Eingeladen wurden allerdings nicht mehr die Armen. Man feierte für sich in der Familie. Beschenkt wurden Onkel, Tante, Oma, Opa, Eltern und Kinder. Es war auch schon lange nicht mehr das Geburtstagsfest des alten Bürgermeisters Heinrich. Nein, es war ein Fest der Liebe und der Familie. An Heinrich erinnerten sich nur noch einige wenige. Aber die trauten sich mit ihrer alten Nostalgie nicht mehr an die Öffentlichkeit.
Über all das dachte Heinrich nach, als er durch die Straßen ging. Unerkannt, versteht sich. Hier und da schmiss er einige Scheine in die aufgestellten Hüte der Armen. Es war wieder soweit. Sein Geburtstag, der 80. Die ganze Stadt feierte ihn. Doch niemand hatte ihn eingeladen. Es war der Tag der Liebe und Geschenke. Doch keiner schenkte ihm, dem alten vergessenen Bürgermeister, etwas. Einsam zog er durch die Straßen und half wo er konnte, fast wie früher. Doch niemand erkannte ihn. Im Feiern hatte die Stadt den Anlass ihrer Feier vergessen - ein Geburtstag ohne Geburtstagkind.
Eine Kollegin sagte mir einmal: "Nein, den Geburtstag Jesu feiere ich nicht. Daran glaube ich nicht." - Und es klang fast so, als erkläre sie mich für verrückt. "Weihnachten, das ist das Fest der Familie, wo ich alle wiedersehe. Wo ich Freude mit Geschenken erreichen kann. Nein, Weihnachten, das ist doch heute kein Fest für Jesus."